PREVIEW
Deus Ex: Human Revolution
Göttlichkeit oder Größenwahn?
Angst. Transhumanismus. Entfremdung. Die Spaltung der Gesellschaft und der mythische Sturz des Ikarus: all das sind Themen, denen sich »Deus Ex: Human Revolution« widmet. Themen, mit denen das Team des kanadischen Studios Eidos Montreal versucht, einen würdigen Nachfolger zu einem Spiel heranzuzüchten, das im Jahr 2000 Maßstäbe setzt – der PC-Hit »Deus Ex«. Ein mehr als gewagtes Unterfangen, schließlich gilt der Mix aus Rollenspiel und Ego-Shooter mit seiner einzigartigen Vermengung von komplexer Story, düsterer Atmosphäre und knallharter Spielwelt – ein Pfuhl aus Korruption, Bioimplantaten und Gewalt – als eines der besten Computerspiele überhaupt. Doch was Eidos aus dem kalten Montreal unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen in die PS3M-Redaktion karrt, überzeugt schon jetzt. Denn das Team krallt sich nicht stoisch an dem Erbe von »Deus Ex«-Erfinder Warren Spector fest. Auch ohne seine Beteiligung findet die Fortführung der Saga ihren Weg. Das jedenfalls ist eine der Botschaften, die uns Spielregisseur Jean-François Dugas im exklusiven Gespräch immer wieder eintrichtert: »Wir hoffen, mit Human Revolution eine eigene überzeugende Welt mit starken Charakteren zu schaffen. Und eine Spielerfahrung, die Lust macht, das alles zu erleben«, erklärt er. »Jeder bei uns gibt 150 Prozent, um ein neuartiges Spiel auf die Beine zu stellen, ein Universum mit einer einzigartigen visuellen Machart und tollen Spielideen. Einen cineastischen Blockbuster, der dich nicht mehr loslässt!« Ob die Mischung zündet? Nach einer mehr als einstündigen Präsentation vor versammelter Mannschaft haben wir kaum noch Zweifel…

Ikarus' Hybris
Schon nach Sekunden fällt auf: Die gesamt Welt sieht durch die Augen von Held Adam Jensens anders aus als das, was seine Vorgänger JC Denton und Alex D zu Gesicht bekommen. Kein Wunder, setzt das Game doch 25 Jahre vor dem ersten »Deus Ex« an. Statt fortschrittlicher Nano-Technologie pflanzen sich die Menschen im Jahre 2027 noch mechanische Körpererweiterungen ein. Zum Beispiel kybernetische Arme, die dank Hydraulikpumpen und Servomotoren genug Kraft entwickeln, um Metallträger zu verbiegen. Oder wie wäre es mit künstlichen Augäpfeln, mit denen die Welt in Röntgen- und Wärmesicht wahrgenommen wird? Genau solche, Augmentationen genannten Implantate, sind es, die die Zukunftswelt von »Human Revolution« spalten. Zum einen gibt es die Befürworter des Transhumanismus, die für die Verbesserung des menschlichen Körpers durch den Einsatz technologischer Verfahren eintreten. Geradezu extremistisch vertritt speziell eine Gruppe diese Denkweise. Ihr Name: schlicht »h+«. Haupterkennungsmerkmal: Kleidung im Renaissance-Stil. Zum anderen sind da jene Normalos, die sich solche Verbesserungen nicht leisten können und mit Schildern wie »Du kannst kein Mensch sein mit Maschinenteilen« gegen die Wandlung der Erdenbürger demonstrieren. Sie ängstigen sich vor den Übermenschen und der Idee, dass das menschliche Hirn eine Symbiose mit der Technik eingeht. Kein Wunder, dass die kanadischen Entwickler hier den griechischen Mythos des Ikarus als übergreifendes Thema wählen. Denn gleich dem flügelbewehrten Jüngling, scheint die Menschheit ob des technisch Machbaren übermütig zu werden – droht zu weit zu gehen. Wie Ikarus, der mit seinen aus Wachs bestehenden Flügeln der gleißenden Sonne zu nah kommt und abstürzt. »Wir wollen damit die Möglichkeiten zeigen – aber ebenso die Gefahren«, sagt Jean-François Dugas. »Denn die Wahrheit ist natürlich, dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt. Warum tun die Menschen hier, was sie tun? Die Charaktere im Spiel glauben an etwas, aber warum? Unsere Inspiration für all das kommt vorrangig aus der Renaissance-Ära, die einen großen Schritt in der Entwicklung der Menschheit darstellt«, erklärt der Kanadier. »Der Transhumanismus, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, nimmt heute ihren Anfang. Ich bin mir sicher: Unsere Gesellschaft erlebt schon bald den nächsten großen Evolutionsschritt – wie der aussehen könnte, wollen wir im Spiel zeigen. Natürlich hat Cyberpunk-Literatur ebenfalls einen großen Einfluss auf das Spiel-Design.«

Die Mensch-Maschine
Held und Ex-Sicherheitsbeamter Jensen steht im Spiel weder auf der einen, noch der anderen Seite: er hat bei einem Terroranschlag seine Arme verloren, die anschließend durch multifunktionale Prothesen ersetzt wurden. Er ist somit halb Mensch, halb Maschine – wider Willen. Ein Grund, weshalb der Spieler in der Welt von »Human Revolution« viele Freiheiten genießt. Aus Ego-Sicht durchstreift er die Straßen von Detroit, Shanghai und Montreal, stets danach strebend, politische Morde, Attentate und eine Verschwörung um besagte Gruppe »h+« aufzudecken. Welche Ausmaße diese haben, ist jedoch bisher kaum zu erahnen. »Ich darf leider noch nicht allzu viel verraten, aber es gibt mehr als ein Ende«, verspricht Dugas. Wie der Spieler letztlich handelt, ist ihm selbst überlassen.
Wer die harte Gangart bevorzugt, setzt auf Waffengewalt und äschert mit den mächtigsten der über 30 verfügbaren Waffen später sogar ganze Gebäudekomplex ein. Alternativ lassen sich Missionen auch ruhig und sachte, sprich unter Zuhilfenahme von Tarn-Verbesserungen, Hacker-Werkzeugen und anderen Gadgets lösen. Dritte Herangehensweise: Geschickte Gesprächsführung. Das alles wirkt spielerisch schon sehr ausgereift. Weshalb Spieleveteranen sofort Erinnerungen an das erste »Deus Ex« in den Kopf schießen. Zum Beispiel wenn Jenson zwischen Containern in einem chinesischen Verladehafen entlang schleicht, sich hinter einer Kiste versteckt und die Perspektive von der Ego- kurzzeitig zur Third-Person-Sicht wechselt. Dann erklimmt er mit seinen Hydraulik-Beinen einen der Container und schnappt sich dort aus einer Kiste eine Armbrust, mit der er Sekunden später der Kopf einer Wache an eine Metallwand pinnt. Freilich wäre Gewalt nicht nötig gewesen; denn die Macher versprechen, dass das hier fast gänzlich ohne Morde und Gewalt durchspielbar ist. Vorbildlich! Dugas jedenfalls zeigt sich selbstsicher: »Deus Ex war schon immer eine brillante Serie, mit viel Spieltiefe und daraus resultierenden, einzigartigen Erlebnissen. Es geht darum, wie du spielst. Es geht um Entscheidungen und deren Konsequenzen – eine Erfahrung, die vielen Spielern von heute unbekannt ist. Und das wollen wir im Frühjahr 2011 ändern. Damit’s gelingt, enthält Human Revolution viel von dem, was das erste Deus Ex so besonders macht.«

Mythische Welten
In einem Punkt bricht das neue Cyberpunk-Spektakel mit seinem legendären Vorgänger dann aber doch auf ganzer Linie. Ist »Deus Ex« aus dem Jahr 2000 betont dreckig und düster, wirkt die Welt von »Human Revolution« trotz ihrer Dunkelheit geradezu nobel, anmutig und filigran. Spindeldürre Wolkenkratzer schrauben sich entlang der Skyline Detroits in den Himmel. Hochbahnen durchziehen die Straßenschluchten wie hauchdünne Blutgefäße. Über Shanghai selbst thront ehrerbietungsvoll ein riesiges, auf schmalen Pfeilern gepflanztes Stadtkonstrukt: eine Arkologie, die einfach über der darunterliegenden, heruntergekommenen, verrottenden Metropole errichtet wurde. Symbolisch trennt dieser schwebende Sprawl die reichen Wohlhabenden vom armen Pöbel. Überhaupt spielt »Human Revolution« gerne mit Abgrenzungen und Gegensätzen. Die Hightech-Hilfsmittel gleichen einem wundersamen und eleganten Zauber – etwa Jensens Tarnausrüstung, die ihn sanft spiegelnd und begleitet von leisem Surren mit der Umwelt verschmelzen lässt. Oder auch seine gut versteckten, aber absolut tödlichen Iridium-Armklingen, mit denen er seine Gegner, gleichsam Sam Fisher aus »Splinter Cell: Conviction«, effizient und eiskalt ausschaltet. Selbst ein so wuchtiger Gegner wie der tonnenschwere 80-X-Sicherheitsroboter sorgt für Überraschungen, bewegt er sich doch weitaus flinker als man zunächst vermuten würde. So bricht in einer Szene ein solches Monstrum als kompakter Würfel durch ein Betondach und transformiert sich dann blitzschnell in einen feingliedrigen Mech, der mit Kanonen und Gewehren wild um sich feuert. Im krassen Gegensatz dazu: die Möchtegern-Verbesserten, die in zwielichtigen Bars rumlungern. Auf der Suche nach einem Hacker namens Tong verschlägt es Jansen in eine solche Kaschemme. Dem Türsteher kurz etwas Geld zugesteckt, erwarten ihn nach dem Eintreten merkwürdige Gestalten, die an goldfarbenen Neonröhren von der Decke hängen. Kerle mit klobigen Maschinenbeinen aus dicken, glänzenden Hydraulikkolben. Ein anderer trägt einen eisernen, etwas angerosteten Arm, an dessen Ende eine Kralle absteht. Ihre kybernetischen Verbesserungen sind völlig unterschiedlich zu denen von Jensen und der reichen Oberschicht, deren künstliche Arme und Beine neueste Mikrotechnik vereinen. Dass geht soweit, dass sich ganze Maschinengewehren aus mattschwarzen Armprothesen entpuzzeln. Oder Granaten aus dem Rücken schießen und mit voller Wucht klaffende Löcher in Betonwände reißen. Solche Waffen und Verbesserungen wird auch der Spieler im Laufe des Spieles nutzen können. »Es wird diverse Upgrades geben, vor allem für den Kampf. Aber auch das Schleichen, Schlösser-Hacken und selbst den Umgang mit anderen Charakteren kann man durch Implantate optimieren«, deutet Jean-François Dugas an. Aktuell will der Kanadier noch nicht zu viel verraten, wir tippen jedoch auf pfiffige Lügendetektoren, einen in die Fingerkuppen integrierten Dietrich und einen hoffentlich äußerst wirkungsvoll Argumentationsverstärker von der Größe eines Geldstücks.

Ikarus Ex Machina
Das übergreifende Thema, der experimentelle Look, die spielerischen Freiheiten und vor allem das große Erbe seines Namensgebers: Was das Studio Eidos Montreal mit »Deus Ex: Human Revolution« plant, ist mehr als ambitioniert. Könnte dieses Spiel also letztlich selbst zum Ikarus werden? Nehmen sich die Macher zu viel vor und scheitern letztendlich, weil sie zu ehrgeizig und selbstgefällig werden? Vor allem, da sich das Team mit ernst zu nehmenden Konkurrenten wie der »Bioshock«-Reihe messen muss? Zumindest aktuell schaut es eher nach dem Gegenteil aus. Das gezeigte spielbare Material offenbart ein abwechslungsreiches Third-Person-Abenteuer, das dem Spieler viele Möglichkeiten und noch mehr Freiheiten bietet. Ein Spiel mit einem frischen Look und einer fesselnden Story, die sich nicht vor der seines Urahns zu verstecken brauchen. Ein Ikarus? Wohl eher ein Phönix, der sich neugeboren in die Luft schwingt.
Vorschau Killzone 2 - PS3
PS3 Preview Spec Ops - The Line
PS3 Preview The Darkness 2 PS3M sagt:
Mythen, Gesellschaftskritik und Kreativität verschmelzen zu einem faszinierenden Abenteuer, das für Furore sorgen wird.
Wertungstipp___8.5/10
Leserwertung__8.0/10
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AUF EINEN BLICK___
Publisher Square Enix
Entwickler Eidos
Preis
Genre Ego-Shooter
Spieler 1-unbekannt
PSN ja
USK-Freigabe
KURZ UND KNAPP___
Vielversprechende Wiederbelebung der Rollenspiel-Action-Mischung »Deus Ex«.
DAS STECKT DRIN___


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