Suche
Login

Artikel bewerten

Artikel kommentieren

Guter Beitrag? 

 

 TEST 

 

Call of Juarez: Bound in Blood

Call of Duty im Wilden Westen: Dreckig, kaltblütig und voller blauer Bohnen!

Als Oberindianer Winnetou einst auf der Leinwand in die ewigen Jagdgründe entschwand, haben tausende deutsche Hausfrauen getrauert. Erst Kevin Costners Zusammentreffen mit dem Wolf und der der Prärie hat 1990 ein scheinbar totes Genre halbwegs wiederbelebt. Auch Videospiele mit dem Thema Wilder Western sind rar. Was gab’s da schon zuletzt? »Gun«! Schwächelte 2005 mit etlichen Längen im Gameplay. Schließlich war es am Ego-Shooter »Call of Juarez« anno 2007, dem Genre neues Leben einzuhauchen. Jetzt also »Call of Juarez: Bound in Blood«. Fulminant inszeniert, voller guter Ideen und mit hohem Bleigehalt, so wie es sich für einen modernen Ego-Shooter gehört.
Wir schreiben das Jahr 1864. In den USA tobt ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten. Ray McCall wird zusammen mit seinem Bruder Thomas eingezogen. Sie sollen für den Süden kämpfen. Warum und wieso, das wird nicht sonderlich schlüssig erklärt. Letzten Endes bilden die in den Konflikt eingebetteten Kapitel zu Spielbeginn – Versteckspiel im Wald, Jagd durch Schützengräben etc. – aber ohnehin nur den Auftakt zu einem Familiendrama. Die Yankees aus dem Norden überfallen die Farm der McCalls. Fast alle sind tot, die verbleibenden McCall-Brüder nur noch von Rache und Blutdurst getrieben. Die Story entwickelt sich zu einer Odyssee tragischer Ereignisse, und – ja, man spürt den seelischen Verfall vor allem von Ray, der wie besessen nach den Mördern sucht. Oder das zumindest zum Vorwand nimmt. Womöglich liegt ihm in Wahrheit doch nur das Gold von Juarez am Herzen? Der riesige, verschollene Schatz der Azteken? Nun, bis zum Finale klären sich die Dinge…

Und bis dahin zieht »Bound in Blood« die Aufmerksamkeit des Betrachters wirkungsvoll auf sich. Die Action ist abwechslungsreich und dramatisch inszeniert, konfrontiert den Revolverhelden ständig mit neuen Situationen und setzt etliche spannende Höhepunkt obenauf. Dazu gehören beispielsweise klassische Pistolen-Duelle. Die Kulissen verschwimmen, das Bild wird in einen dreckigen Sepia-Farbton getaucht. Zwei Männer sind zu sehen, der US-Marschall der Stadt Arkansas und Protagonist Ray. Zwanzig oder vielleicht dreißig Meter Distanz entscheiden über Leben und Tod. Die Nerven sind gespannt. Die Kamera zeigt die Hand, wie sie vorsichtig um das Halfter kreist – gekoppelt an den rechten Analogstick, womit man die ganze Sache gleichsam noch mehr in sich aufsaugt. Dann ein Glockenschlag: zwölf Uhr. Schneller als sein Schatten zieht Ray seinen Revolver, das Bild scheint wie zu gefrieren: Konzentrationsmodus, sprich Bullet-Time-Extrem-Zeitlupe. Blutrote Kreis-Symbole wollen mit den Analogsticks ins Ziel geführt werden, direkt auf das Herz des Marschalls. Dann die rechte Schultertaste durchdrücken – das Opfer wird von Kugeln durchsiebt, sackt in sich zusammen. Ist ja einfach? Alles andere als das. Tatsächlich gibt‘s während der etwa siebzehn Stunden zwischen Trainingsmission und Finale rund zehn solcher Duelle. Und jedes einzelne davon ist Nervenkitzel, Konzentrationsübung und irgendwie auch Abschluss eines Kapitels.
Das Lied vom Tod
Ohnehin ist das hier kein Run-und-Gun, keine Ballerei ohne Verstand. Wer wie Billy the Kid blind vorwärts stürmt, wird häufig die Radieschen von unten sehen. Man muss präzise zielen, schnell reagieren und die Augen offen halten, denn Ray und Thomas stecken auf dem mittleren und höchsten Schwierigkeitsgrad nur wenige Treffer weg. Greenhorns werden mit dem einfachen Modus aber gut zurechtkommen.

So treibt es Thomas und Ray im Spielverlauf Richtung Mexiko. Dort stürmen sie eine Mine. Die zehn Gringos nahe dem Einstieg sind schnell erledigt, doch der Scharfschütze – eine Art Mini-Boss –hat es in sich. Zur Erinnerung: Wir schreiben das Jahr 1864. Es gibt keine Hightech-Präzisionsgewehre, die Ziele aus einem Kilometer Entfernung ausknipsen. Stattdessen muss er mit seinem Repetiergewehr Snider Enfield nahe an sein Opfer heran. Der Bursche ist clever, klettert wie ein Akrobat über einen Holzverschlag vor der Mine, ist dem Spieler immer einen Schritt voraus. Er schießt, der eigene Lebensbalken sinkt, man will kontern. Doch der Kerl hat sich längst auf der anderen Seite des Verschlags verschanzt, huscht hin und her. Spannendes Katz- und Maus-Spiel. Ähnlich clever wie der Scharfschütze agiert auch der KI-Partner, eben Ray oder Thomas. Die beiden sind meist gemeinsam unterwegs und arbeiten prima zusammen, geben einander Feuerschutz, nutzen ihre Stärken. Ray tritt verschlossene Türen ein, Thomas hievt seinen Blutsbruder auf erhöhte Positionen. Auf die KI des Partners kann man sich meistens verlassen, das macht »Call of Juarez: Bound in Blood« sogar stellenweise besser als »Resident Evil 5«.
Aber warum kein Koop-Modus? Nun, tatsächlich hätte er sich wohl nur schlecht eingefügt. Berichtet das Spiel doch letztlich davon, wie sich die beiden Brüder mehr und mehr entfremden und schließlich… aber nein, das wäre zu viel verraten. Das Ganze ist nämlich bravourös inszeniert, reißt durch wirkungsvolle Choreographien am Rande mit, schockt und überrascht hin und wieder sogar. Nur die Erzählweise, die wünscht man sich manchmal an den Galgen. Wieso mischt sich ausgerechnet William als Berichterstatter ein, der kleine Bruder der McCalls. Ein Priester! William berichtet mit zerbrechlicher Stimme, rennt mit der Bibel ins Bild, sagt was vom »fünften Gebot, ihr dürft nicht töten« – das alles will sich nicht einfügen in eine beinharte Inszenierung, in der dutzende oder gar hunderte Leichen den Weg säumen. Ray und Thomas hingegen spielen ihre Rolle schneidig. Vor allem Ray kommt tatsächlich wie der raubeinige Ganove rüber, der er ist. Schade nur, dass Thomas und eine Reihe anderer Figuren etwas emotionslos vertont sind. Das kostet Wirkung, wenn ein Südstaaten-General nuschelt wie ein Laienschauspieler. Thomas und Ray retten die Situation immerhin häufig mit lockeren Sprüchen – sind halt Charakterköpfe, die sich auch schon mal streiten und prügeln. Hat was von Kino an sich. Prima! Und so macht »Bound in Blood« schlussendlich vieles richtig. Die paar Schwächen fallen kaum ins Gewicht, legt man sie mit den Stärken gemeinsam auf eine Waage. In Sachen Anmutung, Unterhaltungswert und Spielfluss ist »Bound in Blood« verdammt nahe dran an den besten Teilen aus der »Call of Duty«-Reihe.
Ausgabe:
weiter PS3 Test Call of Duty Modern Warfare 2
weiter PS3 Test Resident Evil: Operation Raccoon City
weiter PS3 Test Street Fighter X Tekken
PS3M sagt:
Grafik _____________

Stilvoller Sepia-Look, abwechslungsreiche Kulissen, top Animationen

8
Sound _____________

Tolle Spät-Western-Atmo, donnernde Kanonen, orchestrale Szenen

8
Steuerung __________

Standard, handlich, Konzentrationsmodus etwas sperrig#

7

URTEIL 8.0/10

 

Leserwertung:
Grafik _____________ 8
Sound _____________ 8
Steuerung __________ 8

URTEIL 8.8 /10

Um eine Wertung abzugeben musst Du angemeldet sein.

AUF EINEN BLICK __

EAN:

Publisher

Entwickler

Preis ab 70 Euro

Genre Ego-Shooter

Spieler 1 - 12

PSN Ja

USK-Freigabe ab 18 Jahren

 

KURZ UND KNAPP __

Düsterer Ego-Shooter mit knallharten Revolverhelden. Abwechslungsreich, fordernd, handwerklich gut, aber nicht herausragend.

FAQ

© Airmotion Games Verlags GmbH 2009 - alle Rechte vorbehalten.

www.ps3m.de   www.360-live.de