TEST
Dragon Age 2
Champion oder Kirchenmaus?
Keine zwei Tage ist es her, dass ich »Dragon Age: Origins« endlich abgeschlossen habe, schon liegt die Testversion von »Dragon Age 2« auf meinem Schreibtisch. Da ich weiß, was mich erwartet, bin ich begierig, Teil Zwei der Fantasy-Saga auf einen schweren Prüfstand zu stellen. Kann »Dragon Age 2« mit dem meisterhaften »Origins« mithalten? Nur so viel vorweg: Die kommenden vier Tage, die ich mit dem Spiel verbracht habe, haben mir keine Antwort darauf gegeben. Denn ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, einen Nachfolger vor mir zu haben, sondern ein eigenständiges Spiel. Ein Abenteuer, das sich so sehr von »Origins« unterscheidet, dass ein direkter Vergleich unangebracht wäre. Aber lies doch einfach selbst...

Tag Eins: Von Altbekanntem und erfrischend Neuem
Die ersten fünf Stunden des Games kenne ich bereits aus der Preview-Version. Also bemühe ich mich, diesen Abschnitt möglichst schnell voranzutreiben: Zwerg Varric erzählt die Rahmenhandlung des Spiels, während ich selbst die Geschichte in der Geschichte spiele – nämlich den Aufstieg des Helden Hawke vom Flüchtling zum Champion von Kirkwall. Die Charaktererschaffung ist schnell getan, ich muss mich lediglich für eine von drei Klassen und mein Geschlecht entscheiden und mein Aussehen anpassen. Kinderspiel. Ich wähle einen weiblichen Schurken mit schwarzem Haar und eisblauen Augen. Sieht cool aus! Endlich in Kirkwall angekommen, umfängt mich der ganz eigene Charme der Stadt in den Freien Marschen – fernab von Ferelden aus Teil Eins. Die Unterstadt ist schmutzig und zwielichtige Händler schmuggeln Drogen wie das magische Lyrium. Die Oberstadt dagegen besticht mit ihren hohen Gebäuden aus feinem weißem Sandstein. In unmittelbarer Nähe zur alles überragenden Kirche des Erbauers liegt das Hafenviertel mit seinen Bars und Bordellen. Wer vor die Tore der Stadt tritt, den erwarten die Verwundete Küste, die Sunder-Hügel sowie etliche Höhlen und Minen. Auffällig: der sehr harte Kontrast von Hell und Dunkel, Bunt und Unbunt. Bioware scheint ein ganz eigenes Design für »Dragon Age 2« gefunden zu haben. Böse Zungen behaupten, das diene nur dazu, die angestaubte »Lycium«-Engine zu kaschieren. Fakt ist aber: Es sieht gut aus. Und das ist das Einzige, was zählt. Fürs Erste will ich mir ein paar Münzen besorgen – auf ganz ehrliche Art und Weise, mit dem Absolvieren von Aufträgen. Davon gibt es in Kirkwall genug. Hier ein verschwundener Sohn, dort eine Gruppe Wegelagerer, da ein mysteriöser Serienkiller. Alles fügt sich herrlich in den Verlauf der Geschichte ein und wird nie langweilig. Dafür sind die Quests zu durchdacht und motivieren dank ihrer erstklassigen Figuren und Dialoge. Was mir aktuell am meisten Spaß bereitet, ist das Ausreizen meiner Antworten in den Gesprächen. Held Hawke, der nun mit einer eigenen, perfekt gewählten Stimme spricht, sammelt mit Sprüchen wie »Klasse, ein blutrünstiger, außer Kontrolle geratener Magier am Tag reicht wohl nicht?« und »Aber nein, ich mache mich nicht über euch lustig. Ich bin ein fröhlicher Mensch, ich lache ständig!« ordentlich Sympathiepunkte. Freilich sind auch ernste und aggressive Dialogantworten möglich – die interessieren mich als geborene Zynikerin aber wenig.

Tag Zwei: Wann geht's endlich weiter?
Selten habe ich ein Spiel gespielt, das mich morgens um sechs aus dem Bett holt und schon um sieben vor die Konsole bannt. »Dragon Age 2« schafft das. Ich kann es kaum erwarten, die Geschichte von Hawke weiter zu verfolgen. In meiner neuen Heldengruppe begleiten mich meine Schwester Bethany, Zwerg Varric, der mit seiner Armbrust namens Bianca ordentlich austeilt, und Kriegerin Aveline, die mit ihrem burschikosen Verhalten schon fast als Mann durchgeht. Eine bunt gemischte Truppe, die bisweilen auch gern aneinandergerät. Varric muss sich zum Beispiel flapsige Bemerkungen über die Zuneigung zu seiner Armbrust Bianca gefallen lassen. Doch die kontert er frech mit Sprüchen wie »Ihr denkt, dass ich mit meiner Armbrust rede, sei unnatürlich? Wenn ihr wüsstet, was ich noch alles mit ihr anstelle, wenn ich ungestört bin!« Keine fünf Minuten vergehen ohne ein Schmunzeln. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, für solche Gespräche kurz innezuhalten – unverzeihlich, wenn ich auch nur eines davon verpassen würde!
Meine nächste Mission führt mich in die Sunder-Hügel, wo ich der Elfin Merrill bei einem Ritual helfe. Erstmals macht sich Ernüchterung breit: Die Karte am oberen rechten Bildrand zeigt kein weitläufiges Areal, sondern ein Schlauchsystem mit einigen wenigen Abzweigungen. Das stört mich als Fan von »Dragon Age: Origins«. Auch, dass sich die Kämpfe gegen die plötzlich auftauchenden Skelett-Bogenschützen, Leichname und Schatten so actionreich spielen wie in einem Third-Person-Schnetzler. Die Ähnlichkeiten zu »Mass Effect 2« sind frappierend. Nicht unbedingt ein schlechter Wandel, doch einer, der die Geschmäcker spaltet. Ich verdränge meinen Missmut mit einem Blick aufs Kampfgeschehen. Gerade lässt Bethany einen Flammenball los, der die Gegner gnadenlos in Brand steckt, während ich selbst mit einer Rauchbombe verschwinde, um dem verdutzten Gegner von hinten meine zwei Dolche in den Rücken zu rammen. Das sieht schon alles verdammt geschmeidig aus, trotzdem vermisse ich ein bisschen Taktik. Selbst größere Bossgegner wie Drachen und Dämonen lassen sich mit rhythmischem Hämmern auf die Angriffstaste und dem Einsatz der einen oder anderen Spezialfähigkeit leicht besiegen. Dass »Dragon Age 2« trotzdem noch als Rollenspiel durchgeht, wird nach dem Kampf klar: Stufenanstiege stehen bevor und verbessern Klassentalente und andere Statuswerte. Ich bin jetzt ein Schurke auf Stufe Zehn – und freue mich auf Level 20, denn damit wartet eine neue Trophäe!

Tag Drei: Mein Herz wird schwer...
Rund 20 Spielstunden sind vergangen und die Story neigt sich dem Ende entgegen. Aus der einst seichten Geschichte um Hawke ist ein düsterer Machtkampf entbrannt, der – ich ahne es bereits – nicht gut ausgehen kann. Mir schwant Böses und ich denke immer häufiger darüber nach, ob meine bisher getroffenen Entscheidungen die richtigen waren. Meine Anzahl an Gefährten ist gewachsen: Piratenbraut Isabela hat sich auf der Suche nach einem Artefakt zu mir gesellt; ich habe den Elfen-Flüchtling Fenris bei mir aufgenommen; und den abtrünnigen Magier Anders, der dank Heilzauber-Begabung jede noch so tiefe Fleischwunde verarztet.
Ich bedauere es von Stunde zu Stunde, dass die Anzahl der Gefährten, die aktiv mitreisen können, auf drei beschränkt ist. Am liebsten hätte ich sie alle immer um mich, um ihre Geschichten zu hören und meine Beziehung zu ihnen auszubauen. Ich lege alles daran, mich mit jedem gut zu stellen, will um des Erbauers Willen keinen einzigen Kameraden verlieren – und wenn es doch geschieht, lade ich den letzten Spielstand mindestens drei Mal neu, um das Schicksal doch noch abzuwenden. Wie schafft Bioware es nur, dass einem diese Polygone so nahe gehen? Die Antwort gebe ich mir selbst: Sie agieren so menschlich und glaubwürdig, so natürlich und anziehend, dass man sie einfach mögen muss. Wenn ich ihnen pampig antworte, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Wenn ich sie verletze, denke ich noch stundenlang darüber nach. Ich glaube, ich sollte mir eine Pause gönnen. Oder besser einen Arzt aufsuchen. Ich fürchte, ich bin infiziert...

Tag 4: Ein Ende mit Schrecken?
Es ist vollbracht, das Abenteuer um Hawke und die Stadt Kirkwall beendet. Ohne zu viel zu verraten, muss ich doch eines loswerden: Ich bin enttäuscht! Wo »Origins« mit Furore sein befriedigendes Ende fand, wirkt es bei Teil Zwei so, als sei Bioware kurz vor knapp das Budget, respektive die Motivation, ausgegangen. Vielleicht liegt’s auch daran, dass ich offene Enden hasse wie die Pest. Was ist das für eine miese Quälerei, den Spieler die ganze Geschichte über in seinen Bann zu ziehen und ihn am Ende so abzuwatschen? Das Ganze kann meiner Meinung nach nur auf eines hinauslaufen: »Dragon Age 3«. Nicht, dass ich mich nicht auf einen dritten Teil freuen würde. Wenn Bioware dann das Gleiche gelingt, wie mit diesem Ableger, baue ich den Kanadiern höchstpersönlich ein Denkmal. Ich kann nur hoffen, dass die Jungs im Laufe der Wochen und Monate noch einen kostenlosen Download-Inhalt nachschieben, der mich ein bisschen über das offene Ende hinweg tröstet. Der mich zumindest irgendwie einen Abschluss finden lässt, ohne mich komplett aus dem Geschehen zu reißen und in Ungewissheit stehen zu lassen. Ich will verdammt nochmal wissen, was passiert! So. Und jetzt suche ich mir einen guten Psychiater, der mir hilft, diese Sucht wieder loszuwerden. Ist ja schlimmer als Lyrium...
Ausgabe:
PS3 Test Call of Duty Modern Warfare 2
PS3 Test Street Fighter X Tekken
PS3 Test Resident Evil: Operation Raccoon City PS3M sagt:
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Grafik _____________
Tolle Verbesserungen zu »Origins« – besonders bei den Figuren |
8 |
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Sound _____________
Ausgezeichnete deutsche Tonspur und orchestrale Klänge – top! |
9 |
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Steuerung __________
Gewaltig entschlackt und besser ans Pad angepasst. Nur selten unpräzise |
8 |
URTEIL 8.9/10
Leserwertung:
| Grafik _____________ | 8 |
| Sound _____________ | 8 |
| Steuerung __________ | 8 |
URTEIL 9.1 /10
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AUF EINEN BLICK __
Publisher Electronic Arts
Entwickler Bioware
Preis ab 60 Euro
Genre Rollenspiel
Spieler 1
PSN ja
USK-Freigabe Ab 18 Jahren
KURZ UND KNAPP __
Episches Rollenspiel mit entschlacktem Gameplay aber Figuren, die sich ins Herz brennen wie feuriger Drachenatem.

