TEST
Fallout: New Vegas
Wo die Atompilze blühen
Howdy, Grünschnabel. Du willst also nach New Vegas, wie? Das große Geld machen, ja? Dann hör mal zu: Hier, im Ödland bist du nur jemand, wenn du weißt, wie du anderen Leuten den Arsch aufreißt. Wenn du radioaktiv verseuchtes Wasser gurgelst und RAD-Skorpione am Spieß frisst, ohne dabei draufzugehen: dann bist du der Richtige. Schwächlinge sind hier, wo es vor mutierten Monstern und gewaltbereiten Raidern nur so wimmelt, schneller weg vom Fenster, als du »Gold-Gecko auf 12 Uhr« schreien kannst. Und manchmal endest du selbst dann mit einer gottverdammten Kugel im Kopf, wenn du eigentlich gar nichts angestellt hast. Schicksal nennt man das wohl. Oder Pechsträhne? Benny, der Typ, der dem Protagonisten des Action-Rollenspiels »Fallout: New Vegas« zu Anfang eine Ladung Blei in den Schädel pustet, nennt es ein abgekartetes Spiel. Das nimmt der zuverlässige Kurier des Mojave Express – das bist du – persönlich. Denn als er bei Doc Mitchell, halbwegs zusammengeflickt, wieder zu sich kommt, bereitet ihm neben dem Loch in seinem Oberstübchen nur eines Kopfschmerzen: Warum wollte dieser Benny ihn tot sehen? Allein an dem Platin-Pokerchip, den der Kurier transportiert hat, kann es wohl nicht liegen. Oder? Gequält von dieser Frage begibt sich der Spieler in die atomare Endzeitwelt der Mojave Wüste und ihrer umliegenden Städte: Novac, Primm, Good Springs, Nipton, um nur ein paar zu nennen. Eine rund 30-stündige Reise steht dem Spieler bevor, in deren Verlauf die eher magere Story noch einige überraschende Wendungen parat hält. Das Ziel: Die gut bewachte Glücksspiel-Metropole New Vegas erreichen und Benny stellen.

Welt ohne Wandel
Doch Halt! Kein kopfloses Vorstürmen, ohne sich zuvor Gedanken über die eigene Spielfigur gemacht zu haben. Äußerliche Faktoren, darunter Geschlecht, Frisur und Augenfarbe, sind bloß Geschmackssache. Viel wichtiger: die Status- und Talentwerte, die zu Anfang verteilt werden. Hier ist theoretisch alles möglich: ein gebildeter, vom Glück verfolgter Nahkampf-Experte mit Sehschwäche zum Beispiel. Oder ein redegewandter, feilschender Pistolero, der bevorzugt das andere Geschlecht um die Ecke bringt. Klasse auch, wie sich diese Talentwerte immer wieder im Spiel auswirken, die Sprachbegabung zum Beispiel Dialoge beeinflusst und man mit der Dietrich-Fertigkeit auch hartnäckige Schlösser mit einer Haarnadel knackt – wie im dritten Teil eben und noch genauso top!
Als man dann aus der Ego-Perspektive zum ersten Mal die Außenwelt betritt, ist der Himmel über der Atomwüste hell, regelrecht freundlich. Weiße Wolken ziehen vorbei und rechts und links bemerkt man neben umherfliegenden Wüstenbüschen lediglich ein paar rostige Straßenschilder, aufgeplatzten Asphalt und Ruinen der menschlichen Zivilisation – auch ein paar alte Werbeplakate für Nuka Cola oder Sunset Sarsaparilla haben den Atomkrieg überstanden und zeugen nunmehr von einer längst vergangenen Zeit. Ja, das depressive, trostlose und verwahrloste Flair, das die »Fallout«-Reihe schon immer ausgezeichnet hat, fängt auch »New Vegas« wieder nahezu perfekt ein. Der hart umkämpfte Hoover-Staudamm, das stillgelegte Helios-One-Kraftwerk, die ruppigen Black Mountains – diese Schauplätze versprühen so viel Details und Authentizität, eine Augenweide! Ganz im Gegensatz zu den Figuren. Die wirken regelrecht hölzern, ohne viel Mimik und ähneln sich zudem wie Zwillinge. Mehr als fünf oder sechs unterschiedliche Charaktermodelle hat Obsidian nicht im Gepäck – sehr schade. Ein paar Aufträge haben sie trotzdem parat. Leider geht’s meistens nur um eines: Ärger mit anderen Ödland-Bewohnern und -Kreaturen. Gehe dorthin, töte den. Reise hierhin, rede mit jenem. Folge X und finde Y. So richtig Abwechslung bietet das nicht, auch wenn die Missionen stets in einen anderen Kontext eingebettet sind und für reichlich Gesprächsstoff sorgen. Immerhin: Die Dialoge sind sehr gut deutsch vertont, sodass die Quasselei durchaus unterhaltsam ist. Zum einen, weil der unglaublich raue Tonfall der abgebrühten und sehr urigen Endzeitler richtig reinhaut. Zum anderen, weil diese Typen allesamt so superschräg sind: zum Beispiel das masochistische und Energiewaffen-geile Geschwisterpärchen de Graff, das seine Gesprächspartner lieber mit einer Ladung Plasma vaporisiert, als den Mund aufzumachen. Oder Jason Bright, ein Sektenanführer-Ghul, der mit seinen Mitgläubigen mit alten Vorkriegsraketen die verseuchte Erde verlassen und in die »Weite Ferne« reisen will. Cool!

Friss Blei und Laser und Plasma und...
Wenn also die Leute, die einen mit Kronkorken bezahlen, eine Horde RAD-Skorpione oder Todeskrallen erlegt haben wollen, heißt es: auf in die Wildnis. Der Radar am unteren linken Bildschirmrand markiert das aktuelle Missionsziel, mit dem linken Analogstick marschiert der Recke los. Hat man die Widersacher in der großen, offenen Welt dann endlich aufgestöbert, wird man, wie schon im Vorgänger »Fallout 3« vor die Wahl gestellt: actionlastige Echtzeit-Kämpfe im Stil eines normalen Ego-Shooters; oder rundenbasierte, taktische V.A.T.S.-Kämpfe, bei denen das Spiel pausiert und einen bestimmte Körperteile anvisieren lässt? Im Normalfall zeigt eine Mischung aus beidem den besten Effekt, denn der V.A.T.S.-Modus erfordert Aktionspunkte, die sich nur langsam oder durch normalen Schusswechsel wieder aufladen. Wer ohnehin lieber selbst zielt und abdrückt, tut das mit einem Tipper auf die R1-Taste, wahlweise mit zugeschaltetem Zielmodus via L1-Taste. Über die R2-Taste gelangt man hingegen in den V.A.T.S.-Modus. Kopf, Rumpf, Arme, Beine und andere Körperbereiche des Gegners können hier einzeln angewählt und beschossen werden, eine Prozentzahl gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit des Treffers. Eine sehr gelungene und spaßige Kampfmischung, die weder zu actionlastig, noch zu taktisch ist – schön!
Schön auch die riesige Auswahl an Waffen, mit denen die Kämpfe bestritten werden: normale Bleipusten, Granaten und Dynamit sind Standard, dazu gibt’s eine Vielzahl an Nahkampfwaffen, etwa Eisenrohre, Messer und Schaufeln. Etwas spezieller: Energiewaffen wie Laser- und Plasma-Geschosse. Wem das nicht reicht, der greift zu seltenen, einzigartigen Totschlägern oder montiert selbst das eine oder andere Extra an seine Wumme – abgefahren, so viele mögliche Spielereien!

Immer diese Schlampereien
Obwohl das Ausräuchern von Ghulen, Blähfliegen und Supermutanten einen Großteil des Gameplays ausmacht, bietet die Welt von »New Vegas« auch abseits vom gnadenlosen Überlebenskampf viele entdeckenswerte Kleinigkeiten. Überall finden sich Zigarettenstangen, Batterien, Spielzeugautos und andere Relikte, die teuer verkauft werden können. Aber auch Jet, Fixer, Psycho und weitere allerorts beliebte Drogen lassen sich, einmal eingesammelt, gut an den Mann bringen. Ja, die heile unheile Welt der atomaren Nachkriegszeit könnte so viel Spaß machen, wären da nicht diese derben Schlampereien. Und zwar seitens der Entwickler. Einfach unglaublich, wie viele Bugs uns während des Testspielens über den Weg gelaufen sind und so manchen Neustart erfordert haben. Mal schwebt ein Auftraggeber hilflos in der Luft und ist nicht ansprechbar, dann weigert sich die Waffe, abgeschossen zu werden und mal blickt man für gestandene zehn Minuten auf den Ladebildschirm, bis man realisiert: Das Spiel hat sich schon lange verabschiedet. Apropos laden: Das dauert hier nicht selten verdammt lang und nervt bei jedem Ortswechsel, sogar, wenn's nur in ein einfaches Haus geht. Das zehrt gewaltig am ohnehin eher trägen Spielfluss und sorgt – in Kombination mit den unnötigen Bugs – nicht selten für Frust. Mit ein bisschen mehr Feintuning hätte man das sicher vermeiden können – äußerst ärgerlich.
Nichtsdestotrotz: Wer das Ödland seit seinem letzten Besuch in »Fallout 3« vermisst, wird hieran seine Freude haben. Insbesondere, weil viel vom Charme und Witz der alten »Fallout«-Teile für PC mit eingeflossen ist. In welchem Spiel sonst findet man wohl die knöchernen Überreste von Schatzsucher Indiana Jones in eben dem Kühlschrank, in dem er in Teil Vier der Filmreihe aus dem Atomtestgebiet gesprengt wurde? Eben!
Ausgabe:
PS3 Test Call of Duty Modern Warfare 2
PS3 Test Resident Evil: Operation Raccoon City
PS3 Test Street Fighter X Tekken PS3M sagt:
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Grafik _____________
Bringt's leider kaum mehr. Wirkt alt und hölzern |
6 |
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Sound _____________
Dezent aber einprägsam dank vieler, authentischer Radiosender |
8 |
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Steuerung __________
Sehr flott und eingängig – funktioniert prima |
9 |
URTEIL 8.2/10
Leserwertung:
| Grafik _____________ | 7 |
| Sound _____________ | 8 |
| Steuerung __________ | 8 |
URTEIL 8.4 /10
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AUF EINEN BLICK __
Publisher Bethesda Softworks
Entwickler Obsidian Entertainment
Preis ab 60 Euro
Genre Action-Rollenspiel
Spieler 1
PSN ja
USK-Freigabe ab 18 Jahren
KURZ UND KNAPP __
Erneut geht’s ins verstrahlte Ödland – diesmal mit Glücksspiel-Flair.


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