TEST
Just Cause 2
Tropischer GTA-Killer?
Es ist der Wahnsinn. Jetzt zoomst du schon seit 50 Minuten mit einem Kampfjet durch den Luftraum von Panau. Eine Insel mit einer simulierten Fläche von 1.000 Quadratkilometern, die gut im Pazifik gelegen sein könnte. Palmen und Straßen, atemberaubende Brückenkonstruktionen, spektakuläre Hochhäuser, riesige Windkraftanlagen, modernste Flughäfen – und sogar eine von zwei Zeppelinen getragene, über dem Meer schwebende Disko hat der Inselstaat vorzuweisen. Und trotzdem schießen dir ständig Ideen in den Kopf, wie du denen da unten das Leben schwer machen kannst. Mit einem gekaperten Jumbojet in eine Luftwaffenbasis stürzen? Etwas fies, aber munitionssparend. Per Lastenhubschrauber einen LKW aus zwei Kilometer Höhe auf eine Raffinerie fallen lassen? Brillant, gleich mal ausprobieren. Die da unten, das sind übrigens die Schergen des perversen Diktator Pandak Panay. Wenn man nämlich genauer hinsieht, liegt auf Panau einiges im Argen. Alle paar hundert Meter Straßensperren, Propaganda wohin das Auge blickt, Lautsprecherwagen betreiben lärmend Gehirnwäsche, im Minutentakt rauschen Militärpatrouillen vorbei: Pandak führt ein Terrorregime wie aus dem Bilderbuch. Das kann und will US-Spion Rico Rodriguez – Typ kerniger Actionagent – nicht gutheißen. Zumal es einen weiteren guten Grund gibt, auf Panau aufzuräumen: Tom Sheldon, Ex-Agent und Ricos ehemaliger Mentor ist scheinbar übergelaufen, hat sich mit geklauten Daten hier verschanzt. Nun ist es also an Rico, Sheldon zur Strecke zu bringen und Panau von seinen diktatorischen Fesseln zu befreien. Die Operation »Verlorener Sohn« beginnt.

Es beginnt
Wer den ersten Teil von »Just Cause« für Playstation 2 kennt, wird sich sofort zurechtzufinden. Noch immer lotst man Rico durch eine riesige Spielwelt im Stil von »GTA« und Co. Die Kamera folgt der Heldenfigur zuverlässig, lässt sich auch von größeren Bauten und anderen Hindernissen nicht beirren. Die beiden ersten, jeweils rund 20 Minuten umfassenden Missionen machen mit den Feinheiten der Steuerung vertraut, erklären haarklein wie Ricos Gleitschirm funktioniert, wie sich sein – im Vergleich zu Teil Eins stark überarbeiteter – Enterhaken zum Erklimmen von Hindernissen einsetzen lässt, zum Ausschalten von Gegnern oder sogar zur raschen Fortbewegung. Zwischendrin eine ausführliche Vorstellung von Minikarte, GPS-Navigation, ferngezündeten Sprengsätzen und Schnellfeuerwaffen. Dazu gibt’s Informationen, die auf Wunsch über die interne, in PDA-Form dargestellte Datenbank abgerufen werden können. Praktisch! Optimal vorbereitet geht’s schließlich daran, das Vertrauen der lokalen Revoluzzer zu gewinnen, indem man für ihre Anführer heikle Aufträge ausführt. Das wiederum treibt die in 50 Missionen untergliederte Story voran, die bereits nach drei Stunden die ersten Überraschung bereithält. Sein famoses Unterhaltungspotenzial schöpft »Just Cause 2« jedoch weniger aus der Handlung oder seinen Charakteren, als vielmehr aus einer atemlosen Mischung aus Abenteuerlust und Actionfeuerwerk. Beispiel gefällig? Um die Macht der kommunistisch orientierten Reapers-Fraktion zu stärken, soll Rico einen Zeugen ausfindig machen, der brisante Informationen bereithält. Kein leichtes Unterfangen wie der folgende Actionmarathon beweist. Denn wo der Zeuge sich befindet, wissen anfangs nur die Datenbanken einer panauischen Überwachungseinrichtung. Die wiederum thront auf den Zinnen eines Bergmassives. Auf dem Weg dorthin: Militärposten in regelmäßigen Abständen. Diese auszuschalten wäre denkbar, jedoch nicht sonderlich klug, da Panays Truppen sonst in Alarmbereitschaft versetzt wären, bevor Rico überhaupt die Datenstation erreicht. Also schnappst du dir das von den Rebellen zur Verfügung gestellte Motorrad, braust die Pass-Straße gen Stützpunkt hinauf und vermeidest bewusst jegliche Konfrontation. Oben angekommen, dann zunächst Ernüchterung: Zahlreiche rote Punkte auf dem Radar versprechen ein launisches Empfangskomitee. Zu dumm, dass dein Munitionsvorrat mal wieder so leer ist wie Kubas Staatskassen. Der Alternativplan? Steht Gott sei Dank direkt vorm Basiseingang, ist ein mit Haubitze und Gatling-Kanone bewehrtes Panzerfahrzeug und hört auf den klangvollen Namen GV104-Razorback. Na bitte! Jetzt nur noch per Enterhaken auf das Dach des Fahrzeugs schwingen, durch Antippen der Dreieck-Taste einsteigen und eröffnet ist die Jagdsaison. Die erste Feindeswelle hat keine Chance, wird von Salven großkalibriger Geschosse und den Druckwellen explodierender Propangas-Flaschen erfasst. Trümmerteile sausen durch die Luft, Blut spritzt, mehr und mehr Gegner segnen das Zeitliche. In der linken oberen Bildschirmecke klettert die Kill-Combo-Anzeige in immer schwindelerregendere Höhen. Wenn Rico aufdreht, dann kennt er kein Erbarmen! Endlich am Eingang des Serverraums angelangt das nächste Hindernis: eine verschlossene Tür. Verdammt, das musste ja kommen! Glück für Rico, dass der diensthabende Offizier samt Zugangskarte unweit des Serverschranks seine Runde dreht. Einen sogenannten Juggle-Kill später – du zerrst dein Opfer per Harpunen-Manöver in die Luft und zersiebt es dann mit einem Kugelschwall – ist der Weg in den Serverraum endlich frei. Jetzt noch schnell den fies versteckten, automatischen MG-Turm mit einer Granate ausschalten und das Geheimnis um den Aufenthaltsort des Zeugen löst sich. Mission geschafft? Pustekuchen! Erst wenn sich der Zeuge in der Obhut der Auftraggeber befindet, gilt der Auftrag als gemeistert. Wie es der Zufall so will, schwirrt Sekunden später auch schon der fliegende Abtransport über der Basis. Und wie einsteigen? Ganz einfach: Heli anvisieren, L1-Taste drücken, der Enterhaken bohrt sich in die Hülle des Gefährts und kurz darauf baumelst du an der Unterseite des Hubschraubers. Immer wieder faszinierend, dieser Enterhaken! Würde Q noch leben, ließe ihn das Teil vor Neid erblassen.

Herrliche Aussichten
Und dann dieser Rundumblick, diese Fernsicht! Glasklar bis zum Horizont, aus südöstlicher Richtung huscht ein Flugzeug vorbei, zwischen zwei Talhängen sind die Konturen einer majestätischen Brücke erkennbar – ein Panorama in einer Qualität, wie es so noch nie auf der Playstation 3 zu sehen war. Doch keine Zeit für weitere Aha-Momente, denn mittlerweile schiebt sich ein Trupp aus drei Fahrzeugen ins Sichtfeld. »Ich bleib an dem Konvoi dran wie der Gestank an der Scheiße«, gibt der Pilot unmissverständlich zu verstehen. Noch bevor seine Wort ausklingen, bist du bereits abgesprungen, jagst wie ein Basejumper dem Erdboden entgegen. 100 Meter bis zum Aufprall, 80, 60, 40. Doch statt kurz vorm Aufschlag den Gleitschirm zu öffnen, zielst du mit dem Enterhaken auf das Heck des ersten Jeeps. Volltreffer! Glückshormone rasen durch alle Adern deines Körpers, die Härchen auf deinen Armen stellen sich auf. Plötzlich kapierst du: Ich stehe ja schon auf der Ladefläche des Jeeps – und werde gerade von einer Ladung Blei umschwirrt. Doch auch in solchen Situationen ist Rico nicht machtlos, folgt sofort dem Kommando des Analogsticks, kraxelt zwischen Heck und Front an nahezu jedem Fahrzeug hin- und her, und zirkelt ganz nebenbei dem Beifahrer eine Patrone zwischen die Augen. Brutal, aber effektiv! Ist das erledigt, muss der Fahrer dran glauben. Ein Schlag in die Magengrube, einer ins Gesicht, abschließend den Burschen am Schlafittchen gepackt und raus mit ihm auf die staubige Landstraße. Solche Übernahmen von besetzten Feindfahrzeugen werden hier groß und aufwendig per Quicktime-Reaktionstests inszeniert und bewältigt. Währenddessen läuft die Action weiter, das Fahrzeug kann also beispielsweise gegen eine Wand prallen oder eine Schlucht stürzen. Risiko und Belohnung liegen da oft sehr nah beieinander – kann frustrierend sein, aber auch sehr motivierend. Zivilfahrzeuge eignet sich Rico übrigens ohnehin durch bloßes Antippen der Dreieck-Taste an.
Am Steuer geht’s mit durchgedrücktem Gaspedal dem Leitfahrzeug der Gruppe hinterher. Das Fahrverhalten? Spürbar besser als im ersten »Just Cause«. Und zu gucken gibt’s viel, viel mehr. Etwa wenn sich das Fahrwerk realistisch den Bodenverhältnissen anpasst, wenn ineinander krachende Autos physikalisch korrekt durch die Gegend wirbeln, weitere Soldaten in den Tod reißen, oder wenn sich Reifen von der Felge lösen und einen Funkenregen auslösen. Immer wieder ertappt man sich dabei, das dreckige Despotenpack in Unfälle zu verwickeln, nur um sich an flüssiger Grafik und großartigen Explosionen zu ergötzen. Doch zurück zur Mission: Mittlerweile sitzt Rico im Zeugentransporter. Ein Druck auf den rechten Analogstick verrät, welche panauischen Schmeißfliegen ihm bereits folgen. Alles klar, ein Motorrad und ein Jeep. Zeit für das klassische Ausbremsmanöver. Kreuz-Taste gedrückt halten, Zähne zusammenbeißen, Steuer nach rechts rumreißen und hoffen, dass der herannahende Gegenverkehr den Rest erledigt. Er tut es! Kawumm! Wieder haushohe Feuerbälle, panisch umherrennende Zivilisten. Rico kann schon eine fieser Hund sein – fast noch schlimmer als Niko Bellic. So, und jetzt noch schnell die letzten 400 Meter bis zur Zielmarkierung gefahren und der Auftrag ist in trockenen Tüchern. Als Dankeschön wandern Geld und jede Menge Chaos-Punkte, die inoffizielle Währung zum Freischalten neuer Missionen, auf Ricos Konto. Außerdem freigeschaltet: die abgesägte Schrotflinte, eine von insgesamt zwölf Waffen, die man nicht nur in der Umgebung finden, sondern auch zeitsparend gegen ein Entgelt direkt beim Waffenhändler ordern kann. Gilt übrigens auch für verschiedene Fahrzeugtypen.

GTA-Killer?
Ob die übrigen Missionen sich ebenso stimmig ins Gesamtbild fügen? In 90 Prozent der Fälle: ja. Einen Informanten per Sniper-Gewehr vor der Hinrichtung retten, im Team mit einem Doppelagenten in einer Tempelanlage Horden heranstürmender Soldaten abwehren, in der Wüste zwischen den Stahlplanken eines gestrandeten Öltankers gegen Elitesoldaten kämpfen, für die Rebellen den Robin Hood spielen und kostbares Militärgerät entführen – für Abwechslung ist gesorgt. Lediglich die sogenannten Festungseroberungs-Missionen laufen zu oft nach Schema F ab. Kann »Just Cause 2« also »GTA« ernsthaft gefährlich werden? Was die perfekt choreografierte Action angeht, auf jeden Fall. Mit Rico auf Panau Chaos stiften, das sorgt einfach für unglaublich gute Laune – und zwar nicht nur im Rahmen der Story-Missionen. Die KI fordert dich durchaus heraus, schickt dir zudem im Spielverlauf immer stärkere Truppen entgegen. Zeit für Verschnaufpausen oder bewundernde Blicke in die Landschaft bleibt dennoch, allerdings nur außerhalb der Missionen und wenn man gerade keine Regierungseinrichtungen einäschert, um Chaos-Punkte zu sammeln. Was ein bisschen fehlt, sind ausgeprägte Figuren und Charaktere. Der rote Faden innerhalb der Handlung ist von eher dünner Struktur, zahlreichen Charakteren mangelt es an Profil und Kantigkeit. Liegt sicherlich auch der schwankenden Qualität der deutschen Synchronstimmen; einige kommen eindeutig zu uncool und unbeholfen rüber. Wer Englisch versteht, sollte daher der englischen Sprachspur den Vorzug geben; und eventuell erwägen, Untertitel zuzuschalten. Dazu kommt, dass vor allem Nebenmissionen fast immer auf die gleiche Art und Weise eingeleitet werden. Rico betritt ein Telefonhäuschen, die Auftraggeber fahren vorbei, erklären was zu tun und rauschen wieder ab. Die Haupthandlung ist von diesem Manko glücklicherweise weniger gekennzeichnet. Und so bleibt festzuhalten: Einmal durchgestartet, lässt einen das Ganze nicht mehr los. Das Missionsdesign begeistert, die Technik muss man erlebt haben, Enterhaken und Gleitschirm bereichern das Gameplay deutlich. Der Drang, Panau vollständig zu entdecken, lässt auch nach Tagen nicht nach. Klasse!
Ausgabe:04/10
PS3 Test Call of Duty Modern Warfare 2
PS3 Test King of Fighters
PS3 Test Lego Harry Potter Die Jahre 5-7 PS3M sagt:
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Grafik _____________
Wuchtige Explosionen, 1A-Wetterdarstellung, unglaubliche Weitsicht |
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Sound _____________
Krachende Waffensounds, perfekt getimte Musikeinspieler |
8 |
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Steuerung __________
Nach erster Eingewöhnung blind beherrschbar |
9 |
URTEIL 8.7/10
Leserwertung:
| Grafik _____________ | 8 |
| Sound _____________ | 8 |
| Steuerung __________ | 8 |
URTEIL 8.6 /10
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AUF EINEN BLICK __
Publisher Eidos/Square Enix
Entwickler Avalanche Studios
Preis ab 60 Euro
Genre Actionabenteuer
Spieler 1
PSN ja
USK-Freigabe ab 18 Jahren
KURZ UND KNAPP __
Rassiger Actionausflug in eine unfassbare große Spielwelt, die dir auch nach Wochen noch den Schlaf raubt.


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