TEST
Medal of Honor
Der Afghanistan-Krieg zum Mitspielen
Shahikot-Tal, Sektor 19009210, 04:38 Uhr am Morgen, die Sonne geht langsam auf. Die Jungs der Spezialeinheit AFO Neptune robben durchs dichte Gestrüpp an einem Berghang. Es ist staubig, es ist schmutzig, es ist kalt – und direkt vor ihnen frisst eine Ziege Gras, während ihr Hirte nur wenige Meter weiter auf einem Stein hockend Däumchen dreht. »Ich hab freies Schussfeld. Eliminieren?« brabbelt Raubein Voodoo. Kollege Preacher antwortet: »Negativ. Haben sie gehört? Das heißt: nicht töten«. Voodoo bestätigt, versetzt den Schafhirten mit einem Würgegriff in den Tiefschlaf, schnappt sich sein Funkgerät und fügt schnippisch hinzu: »Er wird üble Kopfschmerzen haben wenn er aufwacht. Dann geht’s schnellen Schrittes den Hang hinauf. »Halten Geräuschdisziplin. Voodoo, kein 60er, bis wir sichere Deckung haben!« »Jawohl Mama«. Nebelschwaden wabbern langsam umher, Schatten kleiner Bäume zieren den Weg. Stille. Bergluft. Anspannung. Zurecht, denn unweit entfernt beratschlagen sich drei Taliban-Krieger. Voodoo, Preacher, Mother und Rabbit – das bist du – legen an. Vier Schüsse, drei Tote, Problem erledigt. Auch ein Taschenlampen-Trupp und ein kleines Lager müssen dran glauben. Nicht jedoch ohne Aufmerksamkeit zu erregen. »Die haben was gehört. Wir rücken zu Checkpunkt Dorothy vor. Los!« Plötzlich scheinen die Turbankrieger außer Rand und Band. Eine massive Flugabwehr-Stellung nimmt den kreisförmig um das Zielgebiet surrenden AC-130-Aufklärer unter Beschuss. Erbittert leistet die zur Bewachung abgestellte Infanterie Widerstand. AK-47-Rattern schwängert die Luft. Jetzt bloß cool bleiben und per Schafschützengewehr jeden einzelnen lokalisieren und umnieten. Jeder Schuss muss sitzen, sonst zerren die hasserfüllten Turban-Krieger deinen verstümmelten Leichnam wahrscheinlich schon einen Tag später über den Marktplatz der nächsten größeren Siedlung während im Hintergrund die US-Flagge in Flammen aufgeht.
Szenen wie diese sind es, die einem beim Durchspielen der etwa sieben Stunden umfassenden Kampagne von »Medal of Honor« in dauerhafter Erinnerung bleiben. Sie fordern dich, setzen dich unter Druck, lassen dich erahnen, welchen Extremsituationen amerikanische GIs und ihre Verbündeten tagtäglich am Hindukusch ausgesetzt sind. Doch gelingt es Entwickler Danger Close auch den Rest des Spiels über, diesen Krieg, den die westliche Welt wahrscheinlich nie gewinnen wird, so realitätsnah wie möglich zu porträtieren? Gibt es kritische Untertöne, die den Spieler nachdenklich werden lassen über den Wahnsinn, der sich in Afghanistan abspielt?
Szenen wie diese sind es, die einem beim Durchspielen der etwa sieben Stunden umfassenden Kampagne von »Medal of Honor« in dauerhafter Erinnerung bleiben. Sie fordern dich, setzen dich unter Druck, lassen dich erahnen, welchen Extremsituationen amerikanische GIs und ihre Verbündeten tagtäglich am Hindukusch ausgesetzt sind. Doch gelingt es Entwickler Danger Close auch den Rest des Spiels über, diesen Krieg, den die westliche Welt wahrscheinlich nie gewinnen wird, so realitätsnah wie möglich zu porträtieren? Gibt es kritische Untertöne, die den Spieler nachdenklich werden lassen über den Wahnsinn, der sich in Afghanistan abspielt?

Tage, die die Welt nicht vergisst
Das Spiel selbst beginnt mit einem Render-Intro, das bruchstückhaft erklärt, wie und warum du nach und nach in Rolle von Mitgliedern verschiedener Spezialeinheiten schlüpfst: Du siehst die Erdkugel in ihrer Gesamtheit. Während sich der blaue Planet friedlich um die eigene Achse dreht, wandern immer neue Meldungen durch den Äther. In der Regel sind’s nur kurze Sätze, mal aus Geheimdienst-Meldungen, mal aus TV-Nachrichten. »Wir unterbrechen unsere Sendung und schalten nach Lower Manhattan« heißt’s da zum Beispiel. Zusammen ergeben sie das, was du schon beim Einwerfen der Disk ins Laufwerk ahnst: 9/11 – also die Katastrophe vom 11. September. Und eine interessante Theorie, welche direkten militärischen Folgen die Zerstörung des World Trade Centers seinerzeit nach sich zog. Geht’s nach dem Intro von »Medal of Honor«, haben die USA bereits wenige Stunden nach den Anschlägen Sonderkommandos in Afghanistan aktiviert, um gezielt vermutete Terrorzellen vor Ort auszuschalten und eine größere Operation vorzubereiten. Deren meist geheime Sondereinsätze darfst du nun in insgesamt zehn Einzelspieler-Missionen nacherleben.
In der Taliban-Hochburg Gardez einen Informanten ausfindig machen, der brisante Informationen über feindliche Stellung in der Region preisgibt. In Bagram einen ehemaligen Sowjet-Luftwaffenstützpunkt besetzen und so die Grundlage für die Errichtung einer Operationszentrale schaffen – so lauten die beiden Missionen, die »Medal of Honor« dem Prolog der Story zuordnet. Diesen abgeschlossen warten acht weitere Einsätze. Sie spielen jedoch sechs Monate nach dem Terroranschlag in New York, also zu der Zeit, in der die USA bereits verschiedene Basen im Krisengebiet errichtet hatten und massiv gegen die Terrorzellen der Region vorgingen. Diese Missionen sind es dann auch, die dem zunächst sehr gradlinigen »Authentische Waffe durchladen und zu Fuß auf Bösewicht-Jagd gehen«-Gameplay eine gehörige Portion Abwechslung injizieren. Nicht per pedes sondern auf Rädern bist du zum Beispiel in der Mission »Wolfsrudel« unterwegs. Im Sitz eines vierrädrigen Offroad-Flitzers, eines ATVs, braust du durch ein afghanisches Wadi, immer deinem Kollegen Dusty hinterher. Durch knietiefe Wasserpfützen, vorbei an spitzen Steinformationen, unter vom Krieg geschändeten Brücken hindurch – in den ersten Minuten fühlt sich das ganz großartig an. Und wird sogar noch besser als ein erster Feindkonvoi unweit entfernt seiner Route folgt. Dusty sogleich: »Leise und Lichter aus«. Und du denkst dir: Wow, dieser Offroad-Trip wird plötzlich zur Schleichmission – geil! Allerdings stellst du auch schnell fest: Letztendlich folge ich, wie schon in der Schlauchboot-Szene aus »Modern Warfare 2«, einer vorgegebenen Route. Mal längere Umwege nehmen? Ist nicht drin. Ein Problem mit dem auch eine weitere Mission zu kämpfen hat, nämlich der Höllenritt an Bord eines AH-64 Apache Kampfhubschraubers. Hier wirst du in deiner Bewegungsfreiheit sogar noch weiter eingeschränkt, darfst also lediglich die Waffensysteme des Helis bedienen, ihn jedoch nicht aktiv lenken wie das ATV. Gänsehaut-Feeling ist trotzdem garantiert, denn die Action will einfach nicht abreißen, lässt sich prima steuern und sieht abgesehen von einigen seltsamen Explosionen sehr annehmbar aus. Speziell wenn man in dieser Mission selbst einen Treffer durch feindliche Raketenwerfer-Schützen kassiert, steigt die Spannung gewaltig: lautstark ertönen plötzlich Alarmsignale während zeitgleich einige Anzeigen im HUD verrückt spielen. Die Pilotin des im Team mitfliegenden Helikopters wird sogar richtig sauer und gibt per Sprechfunk zu verstehen: »06 vergessen sie die Ziele, jagen sie lieber das ganze verdammte Dorf in die Luft«. Das wiederum ist politisch ganz und gar nicht korrekt, kann unterschwellig aber auch als zum Nachdenken anregende Darstellung der Geschehnisse gewertet werden. Ganz nach dem Motto: Krieg ist grausam und Soldaten flippen angesichts der Situation nun mal aus – und genau das soll der Spieler selbst miterleben.

Kritisch hinterfragt?
Leider gelingt es dem Spiel aber nicht immer, dass das Gezeigte nachdenklich stimmt. Nämlich dann nicht, wenn die Szenen – wie ja oft auch in »Call of Duty« – zu sehr ins Heroische abdriften. Oder wenn die Funksprüche übertrieben cool oder zu abgeklärt rüberkommen. Das ist in Anbetracht der gewählten Heldenfiguren und ihrer Ausbildung, meist sind’s Militär-Veteranen mit langjähriger Einsatzerfahrung, zwar realistisch; aber noch öfter hätte man menschliche Dramatik mit einbringen können. Die Auswirkungen der Kriegshandlung auf die Zivilbevölkerung oder die Psyche der Soldaten zeigen? Macht »Medal of Honor« nicht konsequent. Dennoch: Es versucht es, und das ist gut so. Mit glaubhaften Passagen wie »Ich kann da unten die Guten von den Bösen nicht unterscheiden. Können sie das Ziel markieren?« oder »Passt auf wen ihr tötet. Wir schießen ausschließlich auf Kombattanten«.
Interessant auch einige in Zwischensequenzen gezeigte Dialoge zwischen dem über 9000 Meilen entfernten General und seinem Oberst vor Ort in Bagram. Der General setzt harte Deadlines für einen Vorstoß und geht dabei über Leichen – zur Not auch aus den eigenen Reihen. Will heißen: Er ordnet eine Attacke auf einen vermeintlichen Feindverband an, während der Oberst eingehend davon abrät, weil er eigene Truppe in diesem vermutet. Der Spieler wird hingegen nie mit solchen Entscheidungen konfrontiert – schade, denn das hätte dem ganzen zusätzliche Würze und einen noch kritischeren Unterton verliehen.

Technikfragen
Als Ganzes betracht hinterlässt die Kampagne somit einen guten aber nicht überragenden Eindruck. Mal schleichst du verwundet durch den Schnee, mal knipst du Bösewichte in zwei Kilometer Entfernung mit dem Scharfschützengewehr aus, dann wieder klemmst du dich hinter die Gatling-Kanone auf der Ladepritsche eines Chinook-Transporthubschraubers und mähst Feindmassen nieder. Oder du weist Kampfjets per Laser-Markiergerät Koordinaten für den nächsten Bombenabwurf zu – alles recht spannend, für Abwechslung ist gesorgt. Einen »Jedes Szenario ist einzigartig«-Overkill wie ihn »Modern Warfare 2« herbeizaubert, darf man hier jedoch nicht erwarten. Karge Berghänge, verlassene Dörfer und staubige Dünen geben den Ton ab.
Apropos Ton: Der bläst dich weg, von der ersten Sekunde an. Das völlig unregelmäßige Knarzen einer morschen Holzbrücke, das markante Quietschen einer verrosteten Tür, das wirre Pfeifen von fiesen Querschlägern, der unfassbar intensive Einschlag einer 2000 Pfund Bombe in ein Bunker – es ist der Wahnsinn! Und du wirst Dinge hören, die du nie zuvor gehört hast. Vor allem wenn du mit Headset spielst. Hinzu kommt eine unfassbar mitreißende deutsche Synchro. Bei 95 Prozent aller Figuren passt die Stimme einfach perfekt. Absichtlich beigemischtes Headset-Knistern, Verzerrfilter und vieles mehr setzen der Akustik schließlich die Krone auf. Hieran müssen sich künftig alle Konkurrenten messen. Die Steuerung und die Bildschirmanzeigen sind ebenfalls eine runde Sache.
Und die Grafik? Erfüllt ihren Zweck ohne dabei Außergewöhnliches zu leisten. Wenn ein feindlicher Suchtruppe eine Lehmhütte von außen mit fünf AK-47s in ein Spaghetti-Sieb verwandelt, während du drinnen jede Menge Blei schluckst, sieht das wirklich atemberaubend aus. Auch wenn sich Maschendraht-Zaun im Wind wiegt, Lichtquellen realistisch tanzen, der Himmel sich in Pfützen spiegelt oder Bombeneinschläge sekundenlang für herabregnenden Dreck sorgen, freut sich das Auge. Doch warum kann ich Lampen nicht ausschießen, fliegen von Patronen getroffene Soldaten zuweilen meterhoch durch die Luft, sehen Explosionen in einigen wenigen Fällen fast wie eine zweidimensionale Bitmap-Textur aus? Auch fehlt’s den Umgebungstexturen und Feindmodellen etwas an feinen Details. »Modern Warfare 2« hat in dieser Hinsicht klar die Nase vorn. Hinzu kommt eine recht durchschaubare KI. Ok, die Jungs hechten bei anfliegenden Granaten in Deckung, ziehen schon mal den Kopf ein, wenn’s heiß hergeht, sind im Endeffekt aber doch nur bessere Schießbudenfiguren. Aber eben welche, die einen dranbleiben lassen. Bis zum letzten Level. Diesen abgefrühstückt, warten noch der sehr umfangreiche Mehrspieler- sowie der innovative, auf Rekordzeiten-Jagd angelegte Tier-1-Modus – siehe Kästen. Macht in der Summe einen Kauftipp-würdigen Shooter, dem jedoch etwas bessere Technik, noch mehr Höhepunkte und mehr Mut, richtig über die Stränge zu schlagen, gut getan hätten.
Ausgabe:11/10
PS3 Test Call of Duty Modern Warfare 2
PS3 Test Street Fighter X Tekken
PS3 Test Resident Evil: Operation Raccoon City PS3M sagt:
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Grafik _____________
Fette Explosionen, nette Lichteffekte aber insgesamt etwas angestaubt |
7 |
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Sound _____________
Selten so gute Effekte gehört; dazu gibt’s phantastische deutsche Sprecher |
9 |
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Steuerung __________
Shooter-Standard – Kenner kommen schnell rein |
8 |
URTEIL 8.3/10
Leserwertung:
| Grafik _____________ | 7 |
| Sound _____________ | 7 |
| Steuerung __________ | 7 |
URTEIL 7.5 /10
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AUF EINEN BLICK __
Publisher Konami
Entwickler Danger Close / D.I.C.E.
Preis ab 60 Euro
Genre Ego-Shooter
Spieler 1-24
PSN ja
USK-Freigabe ab 18 Jahren
KURZ UND KNAPP __
Aus der Sicht verschiedener Soldaten drei Tage im Afghanistan-Krieg erleben.


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